“Um glücklich zu bleiben, muss man sehr eifrig auf Dinge schauen, die schief gehen können. Das könnte ein Grund sein, warum viele Menschen Geschichten über ein Unglück faszinierend finden. Sie lesen das und denken:
Wow, der arme Kerl. Diesen Fehler mache ich aber nicht…” (Ruut Veenhoven, in: Galore Vol.24, Dez.2006)
…hat zwar nichts mit dem Thema dieses Blogs zu tun, aber trotzdem hält es mich schon eine Weile davon ab, hier weiter zu schreiben. Ich muss mich ein wenig ranhalten, der Abgabetermin mit dem Verlag steht. Mehr dazu hier, wenn ich das Gröbste hinter mir habe. Bis dahin werde ich Gedanken für diesen Blog hier wohl eher weiter in mein Notizbuch kritzeln…
…tut sich hier im Moment wenig. Komme nur dazu, hin und wieder ein paar Gedanken zum Blog in mein Notizbuch zu kritzeln. Aber ein Ende der vielen Arbeit ist absehbar, dann geht es auch hier wieder weiter…
- frage ich mich manchmal. Vielleicht beschäftigt mich deshalb auch ein Satz von Rüdiger Safranski (aus “Nietzsche - Biographie seines Denkens”):
“Zum Rätsel des eigenen Selbst gehört, dass man nicht genau weiß, was man will.”
Ziemlich bald, nachdem ich diesen Satz las, sah ich mal wieder eine Folge von “Liebling Kreuzberg”(finde ich immer noch so gut wie damals in den 90ern…). Darin ein kurzer Dialog zwischen Robert Liebling und einem Klienten:
Klient Herr Hänssler zu Liebling: Mein Gott, wie hält man das nur aus, wenn einem immer alles so klar ist? Liebling: Es ist hart, aber es ist das einzige Glück des Alters, wenn einem immer alles so klar ist…”
Ich bin jetzt 42 und frage mich, wie alt ich noch werden muss, bis mir immer alles so klar sein wird…
Hier noch ein paar Gedanken zu “Sideways”, eine kleine Fortsetzung zum letzten Beitrag:
„Sideways” ist auch die Geschichte einer dicken Freundschaft. Miles und Jack kennen sich schon lange, sie kennen einander in- und auswendig. Sie könnten viel voneinander lernen. Die Frage ist: tun sie das?
Was hat es auf sich mit Miles’ besonderem Wein? Wann ist der richtige Zeitpunkt, die Flasche zu öffnen? Immer schiebt er das Trinken der Weinflasche vor sich hin. Er wartet auf den besonderen Moment. Solange, dass Maya ihn davor warnt, dass der Wein kaputt gehen könnte. Miles’ Wein ist nicht nur ein Zeichen seiner Leidenschaft für Wein, sondern auch ein Bild für alle verpassten Gelegenheiten und die Unentschlossenheit seines Lebens.
Jacks Entscheidungen, sogar die Entscheidung, zurück zu seiner Verlobten zu gehen und zu heiraten, sind nur mit Gewalt zu erzwingen:
Stefanie schlägt ihn zusammen.
Kurz darauf bringt ein gehörnter Ehemann ihn in eine heikle Lage.
Jack kann nur mit Gewalt auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden.
Zum Schluss heiratet er - klaglos. Aber - hat er sich wirklich dazu entschieden? Oder hat die Gewalt der Ereignisse ihn dahin gebracht? Oder war die ganze Reise für ihn nur ein Spaß, der seine Zukunft nicht weiter berührt? Oder hatte er Träume, die er sich eh nicht getraut hätte zu verwirklichen?
Steht Jack am Wendepunkt? Jack ist zerrissen und lebt nur für und durch seine Gefühle. Er ist ein Getriebener, sein Ziel ist einfach: Sex. Er wird bald heiraten und hat doch Angst, etwas zu verpassen. Es schmerzt ihn, dass er mit der Hochzeit seine Freiheit aufgibt. Deshalb will er jetzt noch einmal seine Freiheit auskosten. Dabei ist er ein sehr kaltblütiger Lügner.
Und als er Stefanie kennen lernt, wird ihm alles zweifelhaft. Er will alles verlassen, mit ihr ein Weingut kaufen. Aber als sie sich von ihm trennt, reißt er schon die nächste Frau auf…Was soll das? Was für ein Typ ist Jack?
Seine Gefühle und seine Unsicherheit brennen komplett mit ihm durch. Seine Entschlossenheit, wenn es um Sex geht, bedeckt nur spärlich seine Unsicherheit, wenn es generell um sein Leben geht, um die großen Ziele und die wichtigen Entscheidungen. Wenn es darum geht, sich festzulegen. All das, allen Zweifel, alle Sorge, alle Zukunftsangst, betäubt er mit Sex.
Insofern ist er oft nicht anders als Miles, der seine offen sichtbare Unsicherheit in Alkohol ertränkt.
Was ist nun „Sideways”?
Für mich…
- ein Film über den Mut, Träume zu haben und Chancen zu ergreifen.
- ein Film über Chancen, die schon lange da sind, die man sich nur nicht traut, zu ergreifen.
Eine Frage, die mich persönlich immer wieder beschäftigt: Ist es etwas Gutes oder etwas Schlechtes, etwas Bedrohliches oder etwas Spannendes, wenn man sich auch mit 40 noch oder wieder fragt, wohin das Leben eigentlich geht? Muss man irgendwann seine “Richtung” gefunden haben, oder kann (soll?) man sich immer wieder einmal neu “erfinden”? Ist es eine Typfrage? Oder eine des “Schicksals”?
Wie wirkt der Film auf Dich? Löst er besondere Gedanken oder Gefühle aus? Gibt es eine Person oder Situation, mit der Du Dich besonders identifizieren kannst?
Sideways - einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Eine Geschichte über das Leben, die Liebe und den Wein. Die Freunde Miles und Jack machen sich auf eine Reise durch die kalifornischen Weinbaugebiete. Die Reise ist Miles’ Hochzeitsgeschenk an Jack, der in einer Woche heiraten wird. Zur Erinnerung oder Einstimmung hier der Trailer:
Miles, Literaturlehrer, Weinliebhaber und erfolgloser Schriftsteller, leidet immer noch unter seiner Scheidung. Sein Freund Jack, ein abgehalfterter Schauspieler, will seine letzten Tage als Junggeselle genießen.Schon bevor die beiden Maya und Stefanie kennen lernen, kollidieren die unterschiedlichen Lebenseinstellungen des Duos: Während Miles mit den Frauen abgeschlossen hat und im Grunde immer noch hofft, irgendwann seine Ex-Frau zurück zu gewinnen, sucht Jack erotische Abenteuer. Ein schräger Vergnügungstrip nimmt seinen Lauf, der nach Sex, Suff, Betrug und Verletzungen doch vielleicht auch Wege in ein neues Leben ebnet.
Hier eine Szene aus „Sideways“, die mich besonders beschäftigt hat, zum besseren Verständnis unten auch als Text in Deutsch und Englisch:
Maya: Sag mal, darf ich dich mal was Persönliches fragen, Miles? Miles: Klar. Maya: Was findest du im Pinot so interessant? Ich meine, das ist wirklich auffällig. Miles: Keine Ahnung, ich weiß nicht. Es ist eine sehr empfindliche Traube. Das weißt du ja sicher, oder? Na ja, sie ist dünnhäutig und temperaturabhängig und sie reift sehr früh. Sie ist, weißt du, sie ist kein Überlebenskünstler wie der Cabernet. Den kannst du fast überall anbauen. Und er braucht auch keine besondere Pflege. Nein, um den Pinot muss man sich dauernd kümmern. Weißt du, und abgesehen davon wächst er nur in diesen ganz speziellen kleinen versteckten Winkeln dieser Erde. Und es gibt nur sehr wenige sensible und aufmerksame Winzer, die ihn überhaupt anbauen können, wirklich. Nur jemand, der sich die Mühe macht und sich Zeit nimmt, der sich dafür interessiert, was der Pinot braucht, kann aus der Traube den vollen Geschmack raus holen. Und dann, du weißt schon…
Oh, und seine Aromen sind einfach die unvergleichlichsten, brillantesten, aufregendsten und feinsten, die ältesten, die überhaupt existieren.
Weißt du, ein Cabernet kann auch kräftig und vollmundig sein, aber er beeindruckt mich nicht. Jedenfalls nicht im Vergleich zu einem Pinot, ich weiß auch nicht.
Was ist mit dir?
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Maya: Can I ask you a personal question, Miles?
Miles Raymond: Sure.
Maya: Why are you so in to Pinot?
Miles Raymond: [laughs softly]
Maya: I mean, it’s like a thing with you.
Miles Raymond: [continues laughing softly]
Miles Raymond: Uh, I don’t know, I don’t know. Um, it’s a hard grape to grow, as you know. Right? It’s uh, it’s thin-skinned, temperamental, ripens early. It’s, you know, it’s not a survivor like Cabernet, which can just grow anywhere and uh, thrive even when it’s neglected. No, Pinot needs constant care and attention. You know? And in fact it can only grow in these really specific, little, tucked away corners of the world. And, and only the most patient and nurturing of growers can do it, really. Only somebody who really takes the time to understand Pinot’s potential can then coax it into its fullest expression. Then, I mean, oh its flavors, they’re just the most haunting and brilliant and thrilling and subtle and… ancient on the planet.
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Vielleicht der tiefste Einblick in Miles Seele. Es ist ziemlich deutlich, dass Miles auch über sich selbst spricht. Vielleicht nicht bewusst, aber schließlich identifiziert man sich mit den Dingen, die einem gefallen. Das, was wir mögen, spiegelt auch etwas von uns selbst wieder. Der Pinot – das ist Miles. Sehr empfindlich und nicht leicht zu „pflegen“. Miles’ Vertrauen und seine Freundschaft sind nicht leicht zu haben – umso verwunderlicher scheint es, dass gerade Jack sein Freund ist – grob, impulsiv, extrovertiert und sorglos (wer weiß – vielleicht ist gerade Jack der robuste „Cabernet“?).
Im nächsten post stelle ich noch ein paar Fragen und Gedanken zu “Sideways” ein. Wer den Film die Tage schauen will, sollte dann noch mal hier nachlesen. Eure Kommentare und Gedanken sind mir natürlich sehr willkommen!
“Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem Leben können, was in uns ist - was geschieht dann mit dem Rest?” (S.29)
Eine Frage, der sich Raimund Gregorius, Latein - und Altsprachenlehrer in Bern, nach einer seltsamen Begegnung gegenüber sieht. Er, der immer zuverlässige und berechenbare Gymnasiallehrer, steigt nun aus. Er verläßt seine Klasse während des Unterrichts und geht. Fährt nach Lissabon, auf der Suche nach einem Unbekannten.
Auch wenn das Buch zum Ende hin etwas nachläßt, stellt es Fragen, die jeden irgendwann einmal bewegen. Ist das, was ich mache - vielleicht sogar sehr erfolgreich - das, was ich will? Weiß ich, was ich will?
Einmal heißt es: “Wenn es um die Seele geht, gibt es weniges, was wir in der Hand haben.” (S.391)
Es ist nicht immer einfach, zu erkennen, was einen antreibt…
Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon (Hanser-Verlag, 2004): 495 Seiten
Als “ernüchterten Menschen” kann man Christopher Moltesanti nicht bezeichnen. Vielleicht sind die 6 Staffeln der “Sopranos” sein “Bildungsroman” - auch wenn Christopher letztendlich vielleicht doch nicht so viel lernt, wie er es nötig hätte.
Obwohl eher weitläufig miteinander verwandt, bezeichnet Tony Christopher als seinen “Neffen”.
Im Grunde sind Christophers Leben und Selbstbild geprägt von Selbstüberschätzung, Hollywood-Gangsterfilmen und Versagen. Christopher greift nach den Sternen und kann sie doch nie erreichen. Er bleibt für die Erkenntnis blind, dass die Sterne für ihn unerreichbar bleiben werden.
In I, 1 lädt er den Tschechen Emil, Sohn eines konkurrierenden “Müllunternehmers” in die Fleischerei ein, die der Soprano- “Familie” als Treffpunkt dient. Als Emil ankommt, sehen wir Christopher im “Bruce-Lee”- Stil Kung-Fu Übungen machen. Später, als Emil sich über den Tisch beugt, erschießt Christopher ihn kaltblütig - unter einer Pinnwand voller Hollywood-Größen: Humphrey Bogart, Dean Martin, James Cagney und andere.Aber ein blutbespritztes Bild des Paradegangsters Edward G. Robinson zeigt uns, dass Christophers Luftschlösser echtes Blut fordern. Und das Regal voller Schweineköpfe als Publikum lässt nicht nur Christopher stutzen. Glorreich ist hier nichts außer Christophers Träume.
Der Versuch, Emils Leiche zu beseitigen, zeigt erneut Christopher, der immer höher zielt als er treffen kann. Er und sein Kumpel Pussy scheitern kläglich dabei, die Leiche in einen Müllcontainer zu entsorgen - höher als einen Meter können die Beiden die Leiche nicht werfen…
Für den Zuschauer offenbart sich schon hier die Gewöhnlichkeit von Christophers Leben - er selber wird das nicht erkennen.
Aber wer erkennt das schon gern von sich? Dass er ein ganz normaler Mensch ist? Dass seine Träume vielleicht zu hoch zielten? Es tut weh, wenn sich die Gewöhnlichkeit der eigenen Existenz offenbart. Und wie schnell das geht: Arbeitslosigkeit, Krankheit, Bankrott - plötzlich findet man sich im Heer der normalen kleinen Leute wieder und fragt sich: “Kleiner Mann, was nun?”
Allerdings ist man vielleicht schon einen Schritt weiter als Christopher, wenn man sich diese Frage stellt. Und da kommt mir ein Bibeltext in den Sinn, ein Gebet König Davids:
“Von David, ein Wallfahrtslied. HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit großen Dingen, die mir zu wunderbar sind. Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir”.(Psalm 131)
Seinen Platz in der Welt finden, auch wenn es nur ein bescheidener ist. Auch ein Weg zum Glück.
Tony Soprano:Ich sag ihnen mal was: Heutzutage rennt jeder zum Seelendoktor und zur Beratung und noch in irgend ‘ne Talkshow und quatscht über seine Probleme. Was wurde zum Beispiel aus Gary Cooper? Der starke, stille Typ? DAS war ein Amerikaner! Der hatte keinen Kontakt zu seinen Gefühlen, der hat getan was er musste! Wenn die es geschafft hätten, dass Gary Cooper Kontakt gekriegt hätte zu seinen Gefühlen, dann hätte er pausenlos gesabbelt! Das heißt dann: Dysfunktion hier und Dysfunktion da und Dysfunktion im Arsch!!
Dr. Melfi:Sie entwickeln starke Gefühle in diesen Dingen…
…
Tony:Könnte ich glücklicher sein? Ja! Ja, wer nicht?
(Die Sopranos I,1)
Als ich diese Szene noch einmal sah, musste ich sofort an ein Buch denken, dass ich letztens las: “Die Lebensalter” von Romano Guardini. Über den Menschen ab vielleicht Mitte vierzig schreibt er:
“Der Überdruss meldet sich. Das, was die Alten ‘taedium vitae’ genannt haben; jene tiefe Enttäuschung, die nicht aus einem einzelnen Anlass, sondern aus der Breite des Lebens kommt. Die Technik, die das Leben uns gegenüber anwendet, besteht doch darin, dass es am Anfang viel verspricht… Im Fortgang des Lebens wird die Kraft dieser Verheißung immer schwächer. Der Blick wird schärfer, das Herz traut weniger…” (S.49)
“Geschieht das, dann beginnt die Lebensfigur des ernüchterten Menschen. Sie ist dadurch charakterisiert, dass der Mensch das, was Grenze heißt, die Eingeschränktheiten, Kümmerlichkeiten des Daseins sieht und annimmt.” (S.50)
Ernüchtert kann man Tony an diesem Punkt wohl nennen. Ja, er ist Familienoberhaupt und er ist der Boss. Aber er fühlt sich jetzt wie ein trauriger Clown: Nach außen lachen und innen weinen.
Tony Soprano - der weinende Clown. Gary Cooper - der starke, stille Typ. Romano Guardini über den ernüchterten Menschen:
Ist also das Leben keine Jagd nach und kein Erlangen von immer mehr Glück? Ist es eher ein Zufriedenwerden mit dem Wenigen, das einem nicht zwischen den Fingern zerrinnt?
Romano Guardini, Die Lebensalter. Ihre ethische und pädagogische Bedeutung.
(Mainz, 12.Aufl., 2006: 104 S.)
Ja, das Buch ist von 1953 und so liest es sich auch. Aber man muss ja nicht immer nur zu Ratgebern greifen, die “locker und flott” geschrieben sind.
Der katholische Theologe Romano Guardini (1885-196 beschreibt die typischen Anforderungen und Probleme in verschiedenen Phasen des menschlichen Lebens. Das klingt hier und da etwas altbacken, aber das liegt im Grunde nur am äußeren “Kleid” der Sprache. Auch wenn es zum Beispiel das Wort “Midlife-Crisis” noch nicht gab, ist sie in Guardinis Beschreibung des “ernüchterten” Mensch gut zu erkennen.
Die Grenzen der Lebensphasen sind natürlich fließend. Jeder Leser kann aber leicht erkennen, welcher Abschnitt des Buches auf ihn zutrifft oder welcher Scheideweg vielleicht auf ihn wartet. Die Lektüre hilft auch, Stolpersteine auf unserem Lebensweg zu erkennen und vielleicht zu vermeiden.
Alles in allem ein wertvolles Buch, in dem man gern wieder einmal blättert um seine Position zu bestimmen.
Dass ein Mafiaboss zum Psychiater geht, hat man als Komödie schon in “Analyze this!” mit Robert deNiro mal gesehen.
Die gleiche Situation aber ernst zu nehmen und einen Mafiaboss wegen Panikattacken zum Psychiater zu schicken, schafft in “Die Sopranos” die Ausgangssituation für den Blick auf eine nur oberflächlich heile Familie und eine Männerwelt, die sich, was Hierarchie und Gewinnoptimierung angeht, oft kaum vom normalen Wirtschaftsleben unterscheidet (”Die Sopranos”Folge I,1). Tony Soprano arbeitet in der “Abfallentsorgung” - seine Tarnung für Glücksspiel, Prostitution, Betrug und schlimmeres.
In Rückblenden erzählt Folge 1 Tonys “Krankheitsgeschichte”. Wir erfahren von Wildenten, die in Tonys Pool kampieren, lernen seine Familie samt Mutter und Onkel kennen und bekommen erste Einblicke in Tonys Business - ein Business, dass Tony für seine Psychiaterin Dr. Melfi etwas umschreiben und beschönigen muss. Denn Straftaten müsste sie melden…
Erstaunlicherweise werden die Blackouts und Panikattacken weder durch Gewissensbisse, noch durch seine garstige Mutter oder den eifersüchtigen Onkel verursacht. Tony kollabiert als ihn - die Wildenten verlassen.
Sie verlassen ihn an einem Tag, als ihn im Bett liegend das Gefühl beschleicht, dass der beste Teil seines Lebens vorbei ist. Er hat zu spät angefangen zu leben. Ihm bleibt keine Zeit mehr. Als Tony die Enten fliegen sieht, nach einem vollen Tag mit Verwandtschaft und Businesspartnern, befallen in Atemnot und Beklemmung, er wird bewusstlos.
Dr. Melfi: “Fühlen Sie sich deprimiert?”
Tony (zögerlich): “Seit die Enten weg geflogen sind, denke ich.”
Für Toni waren die Wildgänse eine Pause im stressigen Alltag zwischen Arbeit und Familie. Ihre Liebe war bedingungslos, sie erwarten nichts von Toni, sie sägen nicht an seinem Stuhl und nerven ihn nicht mit den Alltagssorgen einer Familie.
Die Rückkehr zu etwas, was einfach ist, was leicht zu verstehen ist, was kein Druck ausübt - mit den Wildgänsen erwacht in Tony eine versteckte Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die ihn auch nicht mehr loslässt, als seine wilden Gäste wieder verschwinden.
Aber muss eine solche entdeckte Sehnsucht immer eine Depression oder eine Midlifecrisis zur Folge haben?
Manchmal habe ich auch Probleme, Ruhe zu finden, und ich versuche, “kleine Fluchten” zu finden, die mich wirklich entspannen, mir Ruhe und neue Kraft geben für den Alltag und nicht solche, die mich deprimieren, weil sie mir zu zeigen scheinen, dass Ruhe eigentlich unerschwinglich ist.
Wenigstens redet Tony jetzt.
Und zu entdecken, warum einen anscheinende Kleinigkeiten wie Wildgänse aus der Bahn werfen, ist auch schon was.