Leben wie im Kino

Nachdenken mit TV, Kino und Büchern

Archiv für April, 2007

Der starke, stille Typ - “The Sopranos” #2

Verfasst von Marco Kranjc am April 20, 2007

 Tony Soprano: Ich sag ihnen mal was: Heutzutage rennt jeder zum Seelendoktor und zur Beratung und noch in irgend ‘ne Talkshow und quatscht über seine Probleme. Was wurde zum Beispiel aus Gary Cooper? Der starke, stille Typ? DAS war ein Amerikaner! Der hatte keinen Kontakt zu seinen Gefühlen, der hat getan was er musste! Wenn die es geschafft hätten, dass Gary Cooper Kontakt gekriegt hätte zu seinen Gefühlen, dann hätte er pausenlos gesabbelt! Das heißt dann: Dysfunktion hier und Dysfunktion da und Dysfunktion im Arsch!!

Dr. Melfi: Sie entwickeln starke Gefühle in diesen Dingen

Tony: Könnte ich glücklicher sein? Ja! Ja, wer nicht?

(Die Sopranos I,1)

 

Als ich diese Szene noch einmal sah, musste ich sofort an ein Buch denken, dass ich letztens las: “Die Lebensalter” von Romano Guardini. Über den Menschen ab vielleicht Mitte vierzig schreibt er:

“Der Überdruss meldet sich. Das, was die Alten ‘taedium vitae’ genannt haben; jene tiefe Enttäuschung, die nicht aus einem einzelnen Anlass, sondern aus der Breite des Lebens kommt. Die Technik, die das Leben uns gegenüber anwendet, besteht doch darin, dass es am Anfang viel verspricht… Im Fortgang des Lebens wird die Kraft dieser Verheißung immer schwächer. Der Blick wird schärfer, das Herz traut weniger…” (S.49)

 

“Geschieht das, dann beginnt die Lebensfigur des ernüchterten Menschen. Sie ist dadurch charakterisiert, dass der Mensch das, was Grenze heißt, die Eingeschränktheiten, Kümmerlichkeiten des Daseins sieht und annimmt.” (S.50)

 

Ernüchtert kann man Tony an diesem Punkt wohl nennen. Ja, er ist Familienoberhaupt und er ist der Boss. Aber er fühlt sich jetzt wie ein trauriger Clown: Nach außen lachen und innen weinen.

 

Tony Soprano - der weinende Clown. Gary Cooper - der starke, stille Typ. Romano Guardini über den ernüchterten Menschen:

Ist also das Leben keine Jagd nach und kein Erlangen von immer mehr Glück? Ist es eher ein Zufriedenwerden mit dem Wenigen, das einem nicht zwischen den Fingern zerrinnt?

 

Wird Glück überbewertet?

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Auf meinem Nachttisch #1: Romano Guardini - Die Lebensalter

Verfasst von Marco Kranjc am April 19, 2007

 Romano Guardini, Die Lebensalter. Ihre ethische und pädagogische Bedeutung.

(Mainz, 12.Aufl., 2006: 104 S.)

 

Ja, das Buch ist von 1953 und so liest es sich auch. Aber man muss ja nicht immer nur zu Ratgebern greifen, die “locker und flott” geschrieben sind.

Der katholische Theologe Romano Guardini (1885-196 8) beschreibt die typischen Anforderungen und Probleme in verschiedenen Phasen des menschlichen Lebens. Das klingt hier und da etwas altbacken, aber das liegt im Grunde nur am äußeren “Kleid” der Sprache. Auch wenn es zum Beispiel das Wort “Midlife-Crisis” noch nicht gab, ist sie in Guardinis Beschreibung des “ernüchterten” Mensch gut zu erkennen.

Die Grenzen der Lebensphasen sind natürlich fließend. Jeder Leser kann aber leicht erkennen, welcher Abschnitt des Buches auf ihn zutrifft oder welcher Scheideweg vielleicht auf ihn wartet. Die Lektüre hilft auch, Stolpersteine auf unserem Lebensweg zu erkennen und vielleicht zu vermeiden.

Alles in allem ein wertvolles Buch, in dem man gern wieder einmal blättert um seine Position zu bestimmen.

 

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Von Männern und Wildgänsen - “The Sopranos” #1

Verfasst von Marco Kranjc am April 18, 2007

 Dass ein Mafiaboss zum Psychiater geht, hat man als Komödie schon in “Analyze this!” mit Robert deNiro mal gesehen.

Die gleiche Situation aber ernst zu nehmen und einen Mafiaboss wegen Panikattacken zum Psychiater zu schicken, schafft in “Die Sopranos” die Ausgangssituation für den Blick auf eine nur oberflächlich heile Familie und eine Männerwelt, die sich, was Hierarchie und Gewinnoptimierung angeht, oft kaum vom normalen Wirtschaftsleben unterscheidet (”Die Sopranos”Folge I,1). Tony Soprano arbeitet in der “Abfallentsorgung” - seine Tarnung für Glücksspiel, Prostitution, Betrug und schlimmeres.

In Rückblenden erzählt Folge 1 Tonys “Krankheitsgeschichte”. Wir erfahren von Wildenten, die in Tonys Pool kampieren, lernen seine Familie samt Mutter und Onkel kennen und bekommen erste Einblicke in Tonys Business - ein Business, dass Tony für seine Psychiaterin Dr. Melfi etwas umschreiben und beschönigen muss. Denn Straftaten müsste sie melden…

Erstaunlicherweise werden die Blackouts und Panikattacken weder durch Gewissensbisse, noch durch seine garstige Mutter oder den eifersüchtigen Onkel verursacht. Tony kollabiert als ihn - die Wildenten verlassen.

Sie verlassen ihn an einem Tag, als ihn im Bett liegend das Gefühl beschleicht, dass der beste Teil seines Lebens vorbei ist. Er hat zu spät angefangen zu leben. Ihm bleibt keine Zeit mehr. Als Tony die Enten fliegen sieht, nach einem vollen Tag mit Verwandtschaft und Businesspartnern, befallen in Atemnot und Beklemmung, er wird bewusstlos.

Dr. Melfi: “Fühlen Sie sich deprimiert?”

Tony (zögerlich): “Seit die Enten weg geflogen sind, denke ich.”

Für Toni waren die Wildgänse eine Pause im stressigen Alltag zwischen Arbeit und Familie. Ihre Liebe war bedingungslos, sie erwarten nichts von Toni, sie sägen nicht an seinem Stuhl und nerven ihn nicht mit den Alltagssorgen einer Familie.

Die Rückkehr zu etwas, was einfach ist, was leicht zu verstehen ist, was kein Druck ausübt - mit den Wildgänsen erwacht in Tony eine versteckte Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die ihn auch nicht mehr loslässt, als seine wilden Gäste wieder verschwinden.

Aber muss eine solche entdeckte Sehnsucht immer eine Depression oder eine Midlifecrisis zur Folge haben?

Manchmal habe ich auch Probleme, Ruhe zu finden, und ich versuche, “kleine Fluchten” zu finden, die mich wirklich entspannen, mir Ruhe und neue Kraft geben für den Alltag und nicht solche, die mich deprimieren, weil sie mir zu zeigen scheinen, dass Ruhe eigentlich unerschwinglich ist.

Wenigstens redet Tony jetzt.

Und zu entdecken, warum einen anscheinende Kleinigkeiten wie Wildgänse aus der Bahn werfen, ist auch schon was.

 

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Am Anfang - “The Sopranos”

Verfasst von Marco Kranjc am April 17, 2007

 Nicht Kino, aber fast wie Kino - das sind “The Sopranos”:

Ein Held, der ein Verbrecher ist und von dem wir nicht immer ganz sicher sind, ob wir ihn mögen oder nicht, seine Familie - Frau, zwei Kinder, Mutter, Onkel… und “DIE” Familie - Tony Soprano, Haupt beider Familien, ist im Stress.

Staffeln 1-6/1 sind in Deutschland mittlerweile auf DVD erhältlich, jede Einzelne lohnt den Kauf. Eine “highspeed” Zusammenfassung der bisherigen 6 Staffeln hier:

Ab und an werde ich die Serie über die Sopranos mit Gedanken zu anderen Filmen unterbrechen, ein bißchen Abwechslung sollte schon sein. Außerdem streue ich mit der Rubrik “Auf meinem Nachttisch” meine andere große Leidenschaft ein: Bücher!

Tony&Carmella Soprano, Onkel Junior, Paulie, Silvio und noch mehr Helden demnächst bis auf weiteres hier im “Leben wie im Kino”-Blog.

 

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