Von Männern und Wildgänsen - “The Sopranos” #1
Verfasst von Marco Kranjc am April 18, 2007
Dass ein Mafiaboss zum Psychiater geht, hat man als Komödie schon in “Analyze this!” mit Robert deNiro mal gesehen.
Die gleiche Situation aber ernst zu nehmen und einen Mafiaboss wegen Panikattacken zum Psychiater zu schicken, schafft in “Die Sopranos” die Ausgangssituation für den Blick auf eine nur oberflächlich heile Familie und eine Männerwelt, die sich, was Hierarchie und Gewinnoptimierung angeht, oft kaum vom normalen Wirtschaftsleben unterscheidet (”Die Sopranos”Folge I,1). Tony Soprano arbeitet in der “Abfallentsorgung” - seine Tarnung für Glücksspiel, Prostitution, Betrug und schlimmeres.
In Rückblenden erzählt Folge 1 Tonys “Krankheitsgeschichte”. Wir erfahren von Wildenten, die in Tonys Pool kampieren, lernen seine Familie samt Mutter und Onkel kennen und bekommen erste Einblicke in Tonys Business - ein Business, dass Tony für seine Psychiaterin Dr. Melfi etwas umschreiben und beschönigen muss. Denn Straftaten müsste sie melden…
Erstaunlicherweise werden die Blackouts und Panikattacken weder durch Gewissensbisse, noch durch seine garstige Mutter oder den eifersüchtigen Onkel verursacht. Tony kollabiert als ihn - die Wildenten verlassen.
Sie verlassen ihn an einem Tag, als ihn im Bett liegend das Gefühl beschleicht, dass der beste Teil seines Lebens vorbei ist. Er hat zu spät angefangen zu leben. Ihm bleibt keine Zeit mehr. Als Tony die Enten fliegen sieht, nach einem vollen Tag mit Verwandtschaft und Businesspartnern, befallen in Atemnot und Beklemmung, er wird bewusstlos.
Dr. Melfi: “Fühlen Sie sich deprimiert?”
Tony (zögerlich): “Seit die Enten weg geflogen sind, denke ich.”
Für Toni waren die Wildgänse eine Pause im stressigen Alltag zwischen Arbeit und Familie. Ihre Liebe war bedingungslos, sie erwarten nichts von Toni, sie sägen nicht an seinem Stuhl und nerven ihn nicht mit den Alltagssorgen einer Familie.
Die Rückkehr zu etwas, was einfach ist, was leicht zu verstehen ist, was kein Druck ausübt - mit den Wildgänsen erwacht in Tony eine versteckte Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die ihn auch nicht mehr loslässt, als seine wilden Gäste wieder verschwinden.
Aber muss eine solche entdeckte Sehnsucht immer eine Depression oder eine Midlifecrisis zur Folge haben?
Manchmal habe ich auch Probleme, Ruhe zu finden, und ich versuche, “kleine Fluchten” zu finden, die mich wirklich entspannen, mir Ruhe und neue Kraft geben für den Alltag und nicht solche, die mich deprimieren, weil sie mir zu zeigen scheinen, dass Ruhe eigentlich unerschwinglich ist.
Wenigstens redet Tony jetzt.
Und zu entdecken, warum einen anscheinende Kleinigkeiten wie Wildgänse aus der Bahn werfen, ist auch schon was.
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