Leben wie im Kino

Nachdenken mit TV, Kino und Büchern

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Der Möchtegern - “The Sopranos” #3

Verfasst von Marco Kranjc am Mai 6, 2007

Als “ernüchterten Menschen” kann man Christopher Moltesanti nicht bezeichnen. Vielleicht sind die 6 Staffeln der “Sopranos” sein “Bildungsroman” - auch wenn Christopher letztendlich vielleicht doch nicht so viel lernt, wie er es nötig hätte.

Obwohl eher weitläufig miteinander verwandt, bezeichnet Tony Christopher als seinen “Neffen”.

Im Grunde sind Christophers Leben und Selbstbild geprägt von Selbstüberschätzung, Hollywood-Gangsterfilmen und Versagen. Christopher greift nach den Sternen und kann sie doch nie erreichen. Er bleibt für die Erkenntnis blind, dass die Sterne für ihn unerreichbar bleiben werden.

In I, 1 lädt er den Tschechen Emil, Sohn eines konkurrierenden “Müllunternehmers” in die Fleischerei ein, die der Soprano- “Familie” als Treffpunkt dient. Als Emil ankommt, sehen wir Christopher im “Bruce-Lee”- Stil Kung-Fu Übungen machen. Später, als Emil sich über den Tisch beugt, erschießt Christopher ihn kaltblütig - unter einer Pinnwand voller Hollywood-Größen: Humphrey Bogart, Dean Martin, James Cagney und andere.  Aber ein blutbespritztes Bild des Paradegangsters Edward G. Robinson zeigt uns, dass Christophers Luftschlösser echtes Blut fordern. Und das Regal voller Schweineköpfe als Publikum lässt nicht nur Christopher stutzen. Glorreich ist hier nichts außer Christophers Träume.

Der Versuch, Emils Leiche zu beseitigen, zeigt erneut Christopher, der immer höher zielt als er treffen kann. Er und sein Kumpel Pussy scheitern kläglich dabei, die Leiche in einen Müllcontainer zu entsorgen - höher als einen Meter können die Beiden die Leiche nicht werfen…

Für den Zuschauer offenbart sich schon hier die Gewöhnlichkeit von Christophers Leben - er selber wird das nicht erkennen.

Aber wer erkennt das schon gern von sich? Dass er ein ganz normaler Mensch ist? Dass seine Träume vielleicht zu hoch zielten? Es tut weh, wenn sich die Gewöhnlichkeit der eigenen Existenz offenbart. Und wie schnell das geht: Arbeitslosigkeit, Krankheit, Bankrott - plötzlich findet man sich im Heer der normalen kleinen Leute wieder und fragt sich: “Kleiner Mann, was nun?”

Allerdings ist man vielleicht schon einen Schritt weiter als Christopher, wenn man sich diese Frage stellt. Und da kommt mir ein Bibeltext in den Sinn, ein Gebet König Davids:

“Von David, ein Wallfahrtslied. HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit großen Dingen, die mir zu wunderbar sind. Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir”. (Psalm 131)

Seinen Platz in der Welt finden, auch wenn es nur ein bescheidener ist. Auch ein Weg zum Glück.

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Der starke, stille Typ - “The Sopranos” #2

Verfasst von Marco Kranjc am April 20, 2007

 Tony Soprano: Ich sag ihnen mal was: Heutzutage rennt jeder zum Seelendoktor und zur Beratung und noch in irgend ‘ne Talkshow und quatscht über seine Probleme. Was wurde zum Beispiel aus Gary Cooper? Der starke, stille Typ? DAS war ein Amerikaner! Der hatte keinen Kontakt zu seinen Gefühlen, der hat getan was er musste! Wenn die es geschafft hätten, dass Gary Cooper Kontakt gekriegt hätte zu seinen Gefühlen, dann hätte er pausenlos gesabbelt! Das heißt dann: Dysfunktion hier und Dysfunktion da und Dysfunktion im Arsch!!

Dr. Melfi: Sie entwickeln starke Gefühle in diesen Dingen

Tony: Könnte ich glücklicher sein? Ja! Ja, wer nicht?

(Die Sopranos I,1)

 

Als ich diese Szene noch einmal sah, musste ich sofort an ein Buch denken, dass ich letztens las: “Die Lebensalter” von Romano Guardini. Über den Menschen ab vielleicht Mitte vierzig schreibt er:

“Der Überdruss meldet sich. Das, was die Alten ‘taedium vitae’ genannt haben; jene tiefe Enttäuschung, die nicht aus einem einzelnen Anlass, sondern aus der Breite des Lebens kommt. Die Technik, die das Leben uns gegenüber anwendet, besteht doch darin, dass es am Anfang viel verspricht… Im Fortgang des Lebens wird die Kraft dieser Verheißung immer schwächer. Der Blick wird schärfer, das Herz traut weniger…” (S.49)

 

“Geschieht das, dann beginnt die Lebensfigur des ernüchterten Menschen. Sie ist dadurch charakterisiert, dass der Mensch das, was Grenze heißt, die Eingeschränktheiten, Kümmerlichkeiten des Daseins sieht und annimmt.” (S.50)

 

Ernüchtert kann man Tony an diesem Punkt wohl nennen. Ja, er ist Familienoberhaupt und er ist der Boss. Aber er fühlt sich jetzt wie ein trauriger Clown: Nach außen lachen und innen weinen.

 

Tony Soprano - der weinende Clown. Gary Cooper - der starke, stille Typ. Romano Guardini über den ernüchterten Menschen:

Ist also das Leben keine Jagd nach und kein Erlangen von immer mehr Glück? Ist es eher ein Zufriedenwerden mit dem Wenigen, das einem nicht zwischen den Fingern zerrinnt?

 

Wird Glück überbewertet?

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Von Männern und Wildgänsen - “The Sopranos” #1

Verfasst von Marco Kranjc am April 18, 2007

 Dass ein Mafiaboss zum Psychiater geht, hat man als Komödie schon in “Analyze this!” mit Robert deNiro mal gesehen.

Die gleiche Situation aber ernst zu nehmen und einen Mafiaboss wegen Panikattacken zum Psychiater zu schicken, schafft in “Die Sopranos” die Ausgangssituation für den Blick auf eine nur oberflächlich heile Familie und eine Männerwelt, die sich, was Hierarchie und Gewinnoptimierung angeht, oft kaum vom normalen Wirtschaftsleben unterscheidet (”Die Sopranos”Folge I,1). Tony Soprano arbeitet in der “Abfallentsorgung” - seine Tarnung für Glücksspiel, Prostitution, Betrug und schlimmeres.

In Rückblenden erzählt Folge 1 Tonys “Krankheitsgeschichte”. Wir erfahren von Wildenten, die in Tonys Pool kampieren, lernen seine Familie samt Mutter und Onkel kennen und bekommen erste Einblicke in Tonys Business - ein Business, dass Tony für seine Psychiaterin Dr. Melfi etwas umschreiben und beschönigen muss. Denn Straftaten müsste sie melden…

Erstaunlicherweise werden die Blackouts und Panikattacken weder durch Gewissensbisse, noch durch seine garstige Mutter oder den eifersüchtigen Onkel verursacht. Tony kollabiert als ihn - die Wildenten verlassen.

Sie verlassen ihn an einem Tag, als ihn im Bett liegend das Gefühl beschleicht, dass der beste Teil seines Lebens vorbei ist. Er hat zu spät angefangen zu leben. Ihm bleibt keine Zeit mehr. Als Tony die Enten fliegen sieht, nach einem vollen Tag mit Verwandtschaft und Businesspartnern, befallen in Atemnot und Beklemmung, er wird bewusstlos.

Dr. Melfi: “Fühlen Sie sich deprimiert?”

Tony (zögerlich): “Seit die Enten weg geflogen sind, denke ich.”

Für Toni waren die Wildgänse eine Pause im stressigen Alltag zwischen Arbeit und Familie. Ihre Liebe war bedingungslos, sie erwarten nichts von Toni, sie sägen nicht an seinem Stuhl und nerven ihn nicht mit den Alltagssorgen einer Familie.

Die Rückkehr zu etwas, was einfach ist, was leicht zu verstehen ist, was kein Druck ausübt - mit den Wildgänsen erwacht in Tony eine versteckte Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die ihn auch nicht mehr loslässt, als seine wilden Gäste wieder verschwinden.

Aber muss eine solche entdeckte Sehnsucht immer eine Depression oder eine Midlifecrisis zur Folge haben?

Manchmal habe ich auch Probleme, Ruhe zu finden, und ich versuche, “kleine Fluchten” zu finden, die mich wirklich entspannen, mir Ruhe und neue Kraft geben für den Alltag und nicht solche, die mich deprimieren, weil sie mir zu zeigen scheinen, dass Ruhe eigentlich unerschwinglich ist.

Wenigstens redet Tony jetzt.

Und zu entdecken, warum einen anscheinende Kleinigkeiten wie Wildgänse aus der Bahn werfen, ist auch schon was.

 

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Am Anfang - “The Sopranos”

Verfasst von Marco Kranjc am April 17, 2007

 Nicht Kino, aber fast wie Kino - das sind “The Sopranos”:

Ein Held, der ein Verbrecher ist und von dem wir nicht immer ganz sicher sind, ob wir ihn mögen oder nicht, seine Familie - Frau, zwei Kinder, Mutter, Onkel… und “DIE” Familie - Tony Soprano, Haupt beider Familien, ist im Stress.

Staffeln 1-6/1 sind in Deutschland mittlerweile auf DVD erhältlich, jede Einzelne lohnt den Kauf. Eine “highspeed” Zusammenfassung der bisherigen 6 Staffeln hier:

Ab und an werde ich die Serie über die Sopranos mit Gedanken zu anderen Filmen unterbrechen, ein bißchen Abwechslung sollte schon sein. Außerdem streue ich mit der Rubrik “Auf meinem Nachttisch” meine andere große Leidenschaft ein: Bücher!

Tony&Carmella Soprano, Onkel Junior, Paulie, Silvio und noch mehr Helden demnächst bis auf weiteres hier im “Leben wie im Kino”-Blog.

 

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